„Das können wir nicht ändern. Das kennen unsere Kunden. Die erkennen uns nicht wieder. Auf gar keinen Fall.“ Sätze, die ich in dreißig Jahren Designarbeit hundertfach gehört habe. In der Agentur von Führungskräften internationaler Unternehmen und in meiner eigenen Arbeit, mit kleinen mittelständischen Unternehmen und Einzelunternehmern. Die Geschäftsführer sitzen vor einem Logo, von dem sie intuitiv spüren, dass es nicht mehr funktioniert. Die Gewohnheit hat es aber zum Bestandteil ihrer unternehmerischen Identität verklärt. Aber Gewohnheit eliminiert Urteilsvermögen. Können Sie sich das leisten? Die Angst vorm Relaunch ist real. Aber sie ist fast immer unbegründet. Hier hilft nur der sachkundige Blick des Außenstehenden. Wenn Ihr Zahn schmerzt, gehen Sie zum Arzt.
Die Legende vom treuen Kunden
Lassen Sie uns mit einem Mythos aufräumen: Ihre Kunden hängen nicht an Ihrem Logo. Sie hängen an Ihrer Leistung, Ihrer Zuverlässigkeit, Ihrem Service, an der Qualität, die Sie bieten. Das Logo ist ein Erkennungszeichen – nicht mehr, nicht weniger. Es ist der Türgriff, nicht das Haus.
Wenn Ihr Türgriff rostet, quietscht und nicht mehr zum Stil des Hauses passt, tauschen Sie ihn aus. Niemand zieht deshalb um. Niemand vergisst, wo Sie wohnen.
Die Angst, Kunden durch ein neues Logo zu verlieren, überschätzt die emotionale Bindung an ein Zeichen. Die emotionale Bindung besteht vornehmlich zu Ihrem Produkt, dessen Nutzen und Qualität – und unterschätzt die Intelligenz der Menschen, die mit Ihnen Geschäfte machen und Ihre Produkte kaufen. Ihre Kunden werden Sie wiedererkennen.
Die Erfahrung meiner Kunden, die den Schritt eines Redesigns gegangen sind, entspricht meinen eigenen und mündet in einer verblüffenden Beobachtung. Die meisten Kunden sehen das neue Logo, erkennen sofort, da ist was anders. Die allerwenigsten erinnern sich, wie es vorher aussah. Punkt.
Die zweite wichtige Erkenntnis kennt jeder aus dem eigenen Leben. Wenn Ihr Partner oder Partnerin sich neu einkleidet, freuen Sie sich. Sie freuen sich und bekommen das Signal, sie/er arbeitet an sich, macht sich schön für mich und andere. Wollen Sie lieber eine Sekretärin, die seit 10 Jahren dieselbe Bluse trägt? Menschen hassen Veränderung. Aber sie ist immer ein Signal.
Wenn das Logo schmerzt, nutzen Sie die Chance, ein positives Signal an Kunden und Mitbewerber zu senden. Setzen Sie ein Zeichen: Wir arbeiten an uns, wir entwickeln uns weiter. Das erzeugt keine Flucht, sondern stärkt im Gegenteil die Bindung an Ihre Marke.
Natürlich gibt es Beispiele, wie schief das gehen kann. Weil eine junge Agentur ihre eigene „Marke“ setzen wollte, weil nicht zu erwarten war, dass das Pferd stürzt, wenn wir es mitten im Galopp tauschen. Weil die Qualität des Bestehenden nicht geachtet wurde. Weil jemand irrtümlich davon ausging, dass ein neues Logo und Erscheinungsbild den Umsatzrückgang schon richten wird. Aber ein Markenlogo ist nur ein Markenlogo. Es kann Missmanagement und enttäuschte Kunden nicht kompensieren. Niemand mag es, hinters Licht geführt zu werden. Auch wenn viele aus der Werbebranche noch vom Gegenteil überzeugt sind. Es bleibt eine kurzfristige Perspektive. Typografisches Logo und Markendesign sind strategisch ausgerichtet.
Was die Angst wirklich nährt
Die größte Angst beim Redesign: alles zu verlieren, was man aufgebaut hat. Die Wiedererkennung. Die Geschichte. Die Identität. Hier kommt die gute Nachricht: Ein kluges Redesign wirft nichts weg. Es destilliert. Es findet den Kern dessen, was Ihre Marke ausmacht – und gibt ihm eine zeitgemäße unverwechselbare Form. Das typografische Logo ist dafür das ideale Werkzeug. Es reduziert auf das Wesentliche: den Namen. Keine illustrativen Elemente, die altern. Keine Symbole, die erklärungsbedürftig werden. Nur Buchstaben, die so gestaltet sind, dass sie unverwechselbar zu Ihnen gehören.
Die Angst zu vertrauen. Was aber, wenn der Zahn schmerzt? Sie sind gezwungen, einen Spezialisten aufzusuchen. Bei unternehmerischen Entscheidungen fällt das schwer, weil Sie es sind, der den Laden und die Zügel fest im Griff hat. Typografie und Ästhetik gehören meist nicht zu den Kernkompetenzen unternehmerischer Entscheidungsträger. Es erfordert Vertrauen und Selbstreflexion, lieber den Buchstabenarzt aufzusuchen. Erinnern Sie sich? Nach Ihrem Besuch beim Dentisten war der Schmerz sofort weg.
Die Angst vor der eigenen Entscheidung. Ein neues Logo bedeutet: Stellung beziehen. Sich festlegen. Verantwortung übernehmen für etwas, das man nicht mehr auf den Vorgänger oder „die Umstände“ schieben kann. Es erfordert Vertrauen gegenüber Ihrem Gestalter. Das alte Logo war halt da. Das neue muss man wollen. Und dann noch die Unsicherheit, weil Sie sich auf einem fremden Terrain bewegen, neue und unbekannte Vegetation, ein geradezu undurchdringlicher Regenwald voller Gefahren, die Sie nicht kennen. Der Vorstand eines internationalen Unternehmens sagte tatsächlich: „Das zeig‘ ich erstmal meinem Sohn, der macht gerade einen Kunst-Leistungskurs.“ Das wirklich Pikante der Szenerie: Einer der berühmtesten deutschen Gestalter, Peter Schmidt, hatte ihm gerade das neue, rein typografische Logo präsentiert. Ich saß dabei und dachte: Wow, da wird sehr viel Geld ausgegeben, um „sicherzugehen“, aber Angst und Misstrauen sind trotzdem stärker. Ununterdrückbar schwer. Die omnipräsente Macht der Emotionen. Nicht gerade zuträglich für strategische Entscheidungen.
Die Angst vor dem Prozess. Redesign klingt nach endlosen Meetings, nach Abstimmungsschleifen mit Gesellschaftern, nach Diskussionen über Blautöne, die niemanden interessieren. Diese Angst ist berechtigt – wenn man an die falsche Agentur gerät. Ein guter Designprozess ist klar, strukturiert und respektiert Ihre Zeit und Ihr Geld. Ich weiß aus eigener Erfahrung, was Sie in der Agenturmühle erwartet. Standardprozesse und Moodboards, endlose Vorträge, was sich alles geändert hat, ein ganzes Wörterbuch der neuesten Beratungs-Anglizismen, kurz: ein Prozedere, das die Summe der Kosten ja irgendwie rechtfertigen muss.
Die Angst vor den Kosten. Nicht nur das Honorar für die Gestaltung. Sondern alles, was danach kommt: Visitenkarten, Briefpapier, Fahrzeugbeschriftung, Website, Schilder und Werbung. Alles muss erneuert werden. Die Investition ist real. Aber sie ist planbar und sollte langfristig kalkuliert werden. Empfohlen sind 2-10% des Umsatzes für Marketing. Und je kleiner das Unternehmen, desto höher der Anteil. Deutsche Unternehmen geben durchschnittlich 6% aus. Darin manifestiert sich, neben Gewinnmaximierung, auch eine Art Unwohlsein und Misstrauen, sich mit dem schwammigen Thema zu befassen.
Ein guter Zeitpunkt der Angst in die Augen zu blicken
Nicht jedes alte Logo braucht ein Redesign. Manche sind zeitlos. Die meisten sind es nicht. Diese Fragen helfen bei der ehrlichen Selbsteinschätzung:
- Würden Sie das Logo heute noch einmal so in Auftrag geben?
- Funktioniert es als Favicon, als Social-Media-Icon, auf dem Smartphone?
- Passt es noch zu dem, was Ihr Unternehmen heute repräsentiert – nicht was es vor zwanzig Jahren war?
- Zeigen Sie es mit Stolz – oder entschuldigen Sie sich innerlich jedes Mal?
- Ist die verwendete Schrift eine Standardschrift, die überall auftaucht?
- Haben Sie sich in den letzten Jahren jemals damit beschäftigt?
Wenn Sie bei mehr als zwei Fragen zögern, ist es Zeit.
Horbes Immobilien Meerane
Bei meinem Projekt war es der Generationenwechsel. Die Söhne des Gründers übernahmen das unternehmerische Steuer. Und das erste Gespräch offenbarte „Logo-Schmerz“. Das Dach sei zu rot und zu groß, ob ich eine Idee hätte.
Nachdem mir klar wurde, dass sich die Immobilienfirma nicht auf landwirtschaftliche Objekte wie Scheunen spezialisiert hatte – was das Logo nahelegte – sondern ein klassischer Immobilienmakler und -verwalter ist, begann ich mit meiner Recherche zu Unternehmen und Mitbewerbern.
Horbes Immobilien ist in Meerane und Umgebung der älteste und bekannteste Anbieter. In meiner ersten Präsentation befinden sich 20 direkte lokale Mitbewerber. 16 davon haben ein Haussymbol im Logo. Lokale Hausmeister- und Gartenbaubetriebe habe ich ignoriert.
Status quo des Logos
- Generisches, inflationär genutztes Symbol. 80% der Mitbewerber benutzen ein Haus.
- Proportion Bildzeichen und Logo. Das rote Dach musste zur Scheune mutieren. Schließlich soll es den kompletten Namen bedecken.
- Standardschrift. Helvetica.
- Name. Exakte, rechtlich sichere Firmierung im Logo inklusive GmbH.
Horbes Logo vor und nach dem Redesign
Redesign und individuelle Logo-Typografie. Der Horbes-Zwitter.
Im alten Horbes-Logo gab es leider nichts, was einer Überarbeitung und Weiterführung die nötige Würde erwiesen hätte. Therapieansatz: kompletter gestalterischer Neustart.
- Im Immobiliengeschäft dreht sich viel um Vertrauen. Nicht nur wegen des schlechten Rufs der Branche. Es geht immer um sehr viel Geld und extensive Kaufentscheidungsprozesse. Ich habe in den letzten 25 Jahren mehrere Einzelunternehmer und kleine Unternehmen der Immobilienbranche betreut. Vom Makler über Immobilien-Entwickler bis zur Wohnungsgenossenschaft. Vom Logo bis zur Werbekampagne. Es wird mit allen Feinheiten des Marketings, Content-Marketing, Testimonials und personalisierter Beratung, gearbeitet, um Vertrauen aufzubauen.
- Welche Schriftart ist vertrauenswürdig? Horbes Immobilien hat sich als vertrauenswürdiges Familienunternehmen etabliert. Beim Redesign des neuen typografischen Logos stellte sich deswegen diese Frage als erstes. Klassische Serifen-Schriften, Fonts wie Garamond, Goudy, Minion oder auch etwas exzentrischer als klassische Antiqua: Bodoni oder Walbaum werden gern zitiert. Diese Schriften repräsentieren die Würde der Jahrhunderte, Tradition, Verlässlichkeit und Seriosität. Aber passt das zu zwei dreißigjährigen Geschäftsführern im Neustart und einem Unternehmen, das nur ein paar Jahre mehr zählt? Ja. Das Unternehmen, entstanden in den wilden, wirtschaftlich unübersichtlichen Jahren kurz nach der deutschen Wiedervereinigung, hat die massiven Veränderungen des Marktes überstanden. Vom ‚alles ist möglich‘ bis in die Härte der Post-Corona-Wirtschaft. Der Gründer hat viele richtige Entscheidungen getroffen und viel Vertrauen aufgebaut. Die Immobilienfirma ist auf dem regionalen Markt etabliert und zum Platzhirsch avanciert.
- Der individuelle typografische Ansatz für das neue Logo: Gestaltung von sechs Buchstaben, die zueinander harmonisiert sind. Satzschriften haben da andere Prämissen. Ihre Linienstärke schwankt nicht so stark wie bei einer klassischen Serifen-Schrift, eher wie bei einer humanistischen Groteske. Letztere sind ein Produkt der Moderne, wirken aber geschmeidiger als die bisher eingesetzte Helvetica, die ihre sachlich-konstruktive Herkunft immer zur Schau stellt. Um den ästhetischen Bogen weiter zurückzuspannen und um nicht auf die ästhetisch verlässliche Wirkung der Serifen zu verzichten, wurden die Buchstaben von mir zusätzlich serifenartig ‚ausgespitzt‘. So entstand ein typografischer Zwitter.
- Der Firmenname. Dach und Haus waren argumentativ schnell eliminiert. Die größte Herausforderung bei diesem Projekt: keine Tätigkeitsbeschreibung, keine GmbH im Logo. Der Name ‚Horbes‘ ist im lokalen Bewusstsein verankert, die Firma bekannt und die Familie ebenfalls. Alles positiv. Machen wir eine lokale Marke daraus. Für mich lag das Potenzial auf dem Tisch. Am Ende hat sich meine Hartnäckigkeit ausgezahlt. Zugunsten des Kunden, der einen sehr großen Schritt bei diesem Redesign gemacht hat. Mit dieser radikalen Entscheidung hat das Unternehmen den Abstand zu Mitbewerbern deutlich erweitert. Horbes ist der einzige lokale Immobilienmakler, der nur mit Namen in einem rein typografischen Logo firmiert. Eine klare, selbstbewusste und authentische Positionierung.
Projekt relevante Links
Sie möchten an Ihrer Angst arbeiten, haben Logo-Schmerz, denken über ein Redesign nach?
Lassen Sie uns sprechen. Ich zeige Ihnen, welches Potenzial in Ihrer Marke steckt – und wie Typografie es sichtbar macht.