Abstraktion und Einfühlung: Was ein Buch von 1907 über Logos weiß
Es gibt Bücher, die man liest, und Bücher, die einen umbauen. Wilhelm Worringers „Abstraktion und Einfühlung" gehört für mich zur zweiten Sorte — eine Berner Dissertation von 1907, 1908 bei Piper als Buch erschienen, geschrieben von einem Mittzwanziger, der nicht ahnte, dass er der abstrakten Moderne ihr Vokabular liefern würde. Ich habe das Buch früh gelesen, und es hat meine Arbeit nachhaltiger geprägt als jedes Gestaltungshandbuch. Denn Worringer beantwortet die Frage, die unter jedem Logo-Auftrag liegt und die nie jemand ausspricht: Warum wollen Menschen überhaupt abstrakte Zeichen?
Zwei Triebe, eine Kunstgeschichte
Worringers Wurf ist von bestechender Einfachheit. Alles Kunstschaffen, sagt er, entspringt einem von zwei psychischen Grundbedürfnissen. Das eine ist die Einfühlung: die Lust am Organischen, am Naturnachahmenden, am Lebendigen — der Mensch, der sich in seiner Welt zu Hause fühlt, genießt sich selbst in ihren Formen. Worringers berühmte Formel dafür: „Ästhetischer Genuss ist objektivierter Selbstgenuss."
Das andere ist der Abstraktionsdrang — und hier wird es groß. Er entspringt nicht dem Behagen, sondern der Unruhe: der Urangst des Menschen vor der Willkür der Außenwelterscheinungen, wie es der kunstwissenschaftliche Fachkommentar zusammenfasst. Wer die Welt als verwirrend, zufällig und unübersichtlich erlebt, sucht Ruhepunkte — und findet sie im Gesetzmäßigen: in der geraden Linie, der geometrischen Form, der „Schönheit im lebensverneinenden Anorganischen, im Kristallinischen". Die abstrakte Form löst das Ding aus der Zufälligkeit der Erscheinungen heraus und gibt ihm Dauer.
Der revolutionäre Kern: Die Ornamentlinien auf neolithischen Steinkrügen, die geometrische Strenge ägyptischer Kunst, die Flächigkeit byzantinischer Ikonen — all das war für die Kunstgeschichte vor Worringer Unvermögen, eine Vorstufe zum „richtigen" naturalistischen Können. Worringer dreht das um: Es ist Kunstwollen, nicht Nichtkönnen. Die Abstraktion ist kein Mangel an Fähigkeit, sondern ein Überschuss an Absicht. Die abstrahierte Linie auf dem Krug ist Ästhetik ersten Ranges — sie will genau das sein, was sie ist.
Ein Steinbruch für ein Jahrhundert
Die Wirkung war enorm und für den Autor selbst überraschend. Das Begriffspaar wurde, wie der wissenschaftliche Sammelband „Hundert Jahre ‚Abstraktion und Einfühlung'" rekonstruiert, schon von den Zeitgenossen als Signatur der expressionistischen Epoche gelesen; Künstlern, Kritikern und Literaten diente das Buch als theoretischer Steinbruch. Franz Marc und Wassily Kandinsky zeigten sich nachweislich affiziert — der Blaue Reiter malte mit Worringer im Rücken. Die Rezeptionslinie reicht von Georg Simmel über Ernst Bloch bis zu Deleuze und Guattari. Ein Dissertationsdruck aus Bern wurde zum Betriebssystem der Moderne.
Und, das ist meine These: zum unerkannten Betriebssystem des Logo-Designs.
Jedes Logo ist eine Worringer-Entscheidung
Denn was tut ein Logo? Es löst ein Unternehmen aus der Willkür der Erscheinungen heraus. Aus dem Wust von Produkten, Räumen, Gesichtern, Angeboten und Zufällen, die eine Firma im Alltag ist, destilliert es eine gesetzmäßige, wiederholbare, dauerhafte Form. Das ist Worringers Abstraktionsdrang in kommerzieller Reinkultur: Das Zeichen als Ruhepunkt im Rauschen. Wer je erlebt hat, wie ein Unternehmer sein neues Logo zum ersten Mal ausgedruckt in Händen hält, kennt den Affekt, den Worringer beschreibt — da ist etwas dem Zufall entrissen worden.
Auf meiner Startseite steht der Satz: „Reduktion ist keine Ästhetik, sie ist eine Entscheidung." Dieser Beitrag ist seine Fußnote. Der Satz polemisiert gegen Reduktion als Geschmacksrichtung — gegen das Minimalistische als Tapete, die man wählt, weil sie gerade gefällt. Worringer liefert die Begründung: Echte Abstraktion ist nie Dekoration, sie ist Antwort auf ein Bedürfnis. Die Frage an jedes Logo-Projekt lautet deshalb nicht „schlicht oder verspielt?", sondern: Wo auf der Achse zwischen Einfühlung und Abstraktion muss dieses Zeichen stehen — und warum?
Meine Arbeiten verteilen sich über die ganze Achse, und zwar mit Absicht. Die drei geschlossenen Energiekreisläufe der ESG sind reiner Abstraktionsdrang: Gesetzmäßigkeit, Kristallines, kein Naturzitat. Die Holzschnitt-Illustrationen für Umweltgut — zwei Jungs, ein Bollerwagen, eine Katze — sind Einfühlung: organisch, warm, lebensbejahend, weil ein Heizprodukt Geborgenheit verkaufen darf. Und das Bildzeichen der Frauenarztpraxis in Berlin hält beide Pole in einer einzigen Form: der Kreis als abstrakte Gesetzmäßigkeit, der Kern darin organisch, bewusst unperfekt, wie von Hand — Abstraktion als Rahmen, Einfühlung als Inhalt. Für eine Praxis, in der es um Leben geht, ist das keine Stilübung, sondern die einzig richtige Position auf der Achse.
Und die Heraldik? Worringer in Reinform.
Wer meinen Beitrag zur Heraldik als Grundlage der Logogestaltung gelesen hat, ahnt die Verbindung: Das Wappenwesen ist der kodifizierte Abstraktionsdrang. Sieben Tinkturen statt aller Naturfarben, maximaler Kontrast per Gesetz, die Reduktion des Löwen auf seine heraldische Formel — das ist exakt Worringers Herauslösen aus der Zufälligkeit, nur eben achthundert Jahre vor seiner Theorie praktiziert. Selbst die Blasonierung, die das Wappen als Text statt als Bild definiert, ist Abstraktion in letzter Konsequenz: Das Zeichen wird von jeder einzelnen Darstellung unabhängig. Das Mittelalter hat Worringers Buch nicht gebraucht, um es zu befolgen. Wir Heutigen brauchen es, um zu verstehen, warum das, was dort erfunden wurde, immer noch funktioniert.
Was der Auftraggeber davon hat
Man muss Worringer nicht gelesen haben, um ein gutes Logo zu bekommen. Aber man merkt es dem Gestalter an, ob er die Achse kennt. Denn dann ist die Frage nach „modern oder klassisch", „clean oder verspielt", „geometrisch oder organisch" keine Geschmacksverhandlung mehr, sondern eine Positionsbestimmung: Was braucht diese Marke — den Ruhepunkt im Chaos oder die Wärme des Lebendigen? Beides ist Ästhetik, Worringer sei Dank, und zwar gleichrangig. Aber nur eines davon ist jeweils richtig. Diese Entscheidung zu treffen und zu begründen — das ist der Unterschied zwischen Gestaltung und Geschmack.
Ein Buch von 1907, geschrieben über Steinkrüge und Mumienporträts, und es liegt bei jedem Logo-Projekt unsichtbar mit auf dem Tisch. Nachhaltiger kann ein Text einen Grafiker nicht prägen.